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Schubladendenken

Die alten Schubladen aus der Papeterie Wild sind zu neuem Leben erwacht.

Werner Meier, Sylvia Geel, Mark Staff Brandl, Sonja Aeschlimann, Irene Müller, Lou Nüssli und Kurt Niederhäuser zeigen, dass Schubladen durchaus auch Grenzen sprengen und Horizonte erweitern im Spannungsbogen zwischen (Schubladen)Denken, Öffnen und Bespielen...
Anne Weber ergänzt die Ausstellung mit farbenfrohen Schubladenschachteln.


Vernissage ist am Freitag, 13. August ab 18 Uhr
Anlässlich der Vernissage werden die einzelnen Schubladen vorgestellt und interpretiert

Sonntagsapéro, 15. August 15 bis 18 Uhr

Anlässlich der Renovation der ehemaligen Papeterie Wild konnten vom grossen Verkaufskorpus mehrere Schubladen gerettet werden, diese wurden nun von verschiedenen ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern frei zum Thema gestaltet.

Das Thema “Schubladendenken“ wurde wörtlich, bildlich und übersetzt umgesetzt. Sei es als Schublade im Kopf (eng, verbohrt, eingeschränkt), als physische Schublade künstlerisch bearbeitet oder Schub-Lade (eingeschoben, als Teil eines Ganzen).  

Schubladendenken - von Gerhard Falkner zur Vernissage vom 13.8.2010

Beim Wort „Schubladendenken“ handelt es sich bedauerlicherweise um einen Druckfehler. Richtig muss es heissen ‚ denken“.

Warum soll ihnen, den Schubladen, das Denken verweigert werden, nur weil der Mensch, wenn er „cogito, ergo sum“ sagt, mit selbstverständlicher Arroganz davon ausgeht, dass nur das Homo sapiens-Ich zum Denken taugt? Im Lied heisst es, die Gedanken seien frei, und wenn sie sich den Schubladen verbrüdern, so ist das ihre Sache.

Also, Schubladen denken.
Das ist erfreulich.

Willkommen im Club der denkenden Wesen! Aber wie steht es mit ihrem Denken? Denken sie nur so vor sich hin - wie die Kühe beim Wiederkäuen, oder denken sie offensiv in die Welt, die grösste aller Schubladen, hinaus? Kommunizieren sie nur untereinander (,‚Sag mal, was machst du gegen das Klemmen‘“, „Hast du auch was gegen faule Äpfel?“, „Quietschest du auch, wenn ein Unbefugter an dir rummacht?“) oder sind ihre Gedanken auch für andere Wesen, z.B. für uns, bestimmt? Was halten sie, die denkenden Schubladen, von uns, den denkenden Menschen? Es wäre denkbar, dass sie von uns keine besonders gute Meinung haben. „Man könnte meinen“, sagte zum Beispiel eine patinierte Schublade, „die Menschen halten uns für subordinierte Wesen, deren Wert nur davon abhängt, ob sie funktionieren oder nicht. Entsprechend brutal gehen sie mit uns um. Ihr Motto: Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt! Wir müssen‘s wohl leiden.“ -

„Und was sie uns antun!
Wofür halten sie uns eigentlich?
Für Mülleimer? Alles, was sie weghaben wollen, wird uns einverleibt.
Keiner fragt, ob wir das alles Schlucken mögen, was da eingeworfen wird.

Wir sind, um es philosophisch zu formulieren, ihr ihnen nicht genehmes Ich, das sie in den Schubladen zu entsorgen versuchen.“ -

„Manchmal denke ich“, sagte eine bejahrte Schublade, „unsere Hauptaufgabe ist das Verbergen, das unsichtbar Machen. All das, was die Menschen nicht mehr vor Augen haben wollen, landet in uns. Uns wird kein Eigenleben gestattet.“ - „Wir hüten das Vergessene. Ungern lüften wir die Geheimnisse. Wenn die Erben die Schubladen aufreissen, um sich anzueignen, was ihnen vorenthalten wurde., dann macht uns das traurig.“ - „Wir hüten das Vergangene. Möglich, dass wir verschlossen sind.

Doch am Tag x oder y bricht uns jemand auf. Das Vergangene kehrt in die Gegenwart zurück. Das Anvertraute wird uns entrissen, als leerer Sarg bleiben wir zurück.“

Soweit die Schubladen.
Ihre Klagen....

Selten ein Gedanke, der uns Zuneigung spüren lässt. Wie sagte doch die Schublade, die via Brockenhaus zu einem jungen Ehepaar hingefunden hatte:
„Ich bin Bereitschaft. Am liebsten bin ich leer und warte gespannt auf das, was mir eingegeben wird. Einmal hat mich ein bekannter Trogener Künstler zur Kultobjekt erklärt. Die Schublade, hat er gesagt, ist ein Aufbewahrungsort. Was sich in ihr befindet, ist dazu bestimmt, in Erscheinung zu treten. Anders gesagt: Die Schublade offenbart, was sie beinhaltet, und gleicht somit dem Vorhang im Theater. - Jetzt befinden sich in der Schublade Baby-Kleider, und ich bin‘s zufrieden.“ -

Weit reichen die Gedanken der Schubladen:
„Als ich noch ein Baum war“, so überschreibt eine von ihnen ihre Autobiographie.

Lassen wir die Schubladen denken... Wir, die Herren und Herrinnen der Schubladen, denken anders.

Uns ist ihr Schubladendenken fremd, sie selber sind Fremdkörper in unserem Leben, untertänig, zum Gebrauch bestimmt, nützlich und ärgerlich, wo sie uns Widerstand entgegen setzen, wenn sie klemmen oder das, was wir ihnen anvertraut haben, nicht zur Verfügung halten. Fast könnte man meinen, die Schubladen seien die Sündenböcke einer Menschheit, die sie für ihre Schwächen verantwortlich machen will.

Doch warum sprechen wir immer nur von den Schubladen und nicht von dem, was sich in ihnen befindet? Die Vermutung liegt nahe, dass das, was drin ist, sich ausschliesslich bestimmt als das in der Schublade Befindliche und somit kein Eigenleben mehr hat.

Das Testament, das in der Schublade auf den Tag der Eröffnung wartet...

der Anhänger, der lange gesuchte und zu guter Letzt in der Schublade gefundene...

Die explosiven Gedanken, die wir unter Verschluss halten, die verfallenen Gedanken, die wir im Zwischenlager bewahren, die Gedankensprünge und die Gedankensplitter, die sorgsam getrennt sein wollen.

Doch dass wir drin sein könnten, wir Menschen, wir Menschen in den Schubladen, nein, das ist verrückt, dem Gehirn eines Menschen entsprungen,

der das Absurde liebt. Das wäre ja noch schöner...
Nein, schöner ist es nicht, aber vielleicht zutreffend.
Unser Denken, bestimmt vom umgebenden Raum,
das ist so absurd nicht. Das ist alltäglich. Wir sind unser Kontext,
Wir alle finden uns in der Schublade, in die wir uns gebettet haben und die wir als Heimat, als Schutzrau m, als Heimstätte ausstaffierten.

Ein Dichter hat den Gedanken geäussert, es sei denkbar, dass wir alle nur ein Traum Gottes seien. Gott liegt auf einer Wolke, schläft und träumt. Wenn er erwacht, sind wir gewesen, weniger noch: Es hat uns nie gegeben. Unsere Existenz als Geschöpfe in der Traumschublade Gottes...

Es kommt noch schöner!
Wir selber? Sind wir denn etwas anderes als Schubladen?
Viele Gemeinsamkeiten verbinden uns: Wir nehmen entgegen, halten zur Verfügung, geben ab.
Wir sind oft verschlossen.
Der Schlüssel zu unserem Inneren ist nur wenigen Menschen anvertraut.
Unser Horizont ist begrenzt.
Wir sind transportierbar.
In uns geht vieles vergessen.
Und ebenso gemeinsam ist uns die Fähigkeit zu klemmen.

Auch wir werden geöffnet und geschlossen. Auch in uns wird abgelegt, was so anfällt, hängen bleibt im Verlaufe der Jahre.

Und auch mit dem Staub können wir dienen, der sich festsetzt und der uns befällt...

Es stellt sich die Frage, ob es nicht angebracht wäre, im nächsten Leben als Schublade auf die Welt zu kommen.

Trogen, 12. August 2010 zur Vernissage von „Schubladendenken“ Gerhard Falkner